2019-07-02

Neun Fragen an Horst Bittermann, Präsident von Pro Carton

  1. Was erwarten Sie für die Karton- und Faltschachtelindustrie im kommenden Jahr und darüber hinaus?

Unsere Branche wird sich in den nächsten Jahren weiter positiv entwickeln und zwar deutlich über den jährlichen Wachstumsraten der EU. Verpackungen werden mehr denn je gebraucht, um Produkte und Umwelt zu schützen, aber auch, um die verpackten Produkte zu verkaufen. Das einzige, was dem Produkt immer zur Seite steht, egal an welchem Point of Sale – im Regal oder online – ist die Verpackung, und zwar vor allem die Kartonverpackung. Sie schützt die Umwelt und sie vermittelt die Markenbotschaft am besten. Ich bin also sehr optimistisch.

  1. Welchen Einfluss werden jüngste und kommende politische Veränderungen auf die Industrie und Ihre Branche haben?

Weltweit hat man erkannt, dass Verpackungen keine Wegwerfprodukte sein dürfen, sondern in eine Kreislaufwirtschaft überführt werden müssen. Ein wichtiger Ansatz dafür ist die Kostenwahrheit. Müssten alle Inverkehrbringer von Verpackungen die Kosten für die Entsorgung selbst übernehmen, würden manche Verpackungen, vor allem jene aus fossilen Rohstoffen, wesentlich teurer werden. Das wäre nicht nur gerecht, es ist auch im Sinne der Rettung unserer Umwelt zwingend erforderlich und wird daher, so glaube ich, auch kommen. Je stärker sich immer mehr Länder, wie China oder Indonesien, weigern, nicht recycelbaren Verpackungsmüll aus westlichen Industrieländern zu importieren, desto wichtiger wird eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, um Abfall in eine wertvolle Ressource zu verwandeln. Das schafft darüber hinaus Arbeitsplätze in Europa sowie Wirtschaftswachstum.

Karton und Faltschachteln werden damit für eine jahrzehntelange Entwicklungsarbeit belohnt. Wir sprechen hier von „New Sustainability“, der neuen Nachhaltigkeit. Dahinter steht ein starker Wandel in der Erwartungshaltung der Konsumenten. Sie fordern, dass wir, die gesamte Industrie, Verantwortung für unsere Umwelt übernehmen, und sie wollen darüber informiert werden, welchen Beitrag sie selbst leisten können. Das sollte in Zukunft auf jeder Verpackung stehen. Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz hin zu einer vollständigen Kreislaufwirtschaft. In Zukunft darf nichts mehr in die Natur gelangen, was nicht von Natur aus schon dort ist.

  1. Was sind die größten Herausforderungen, vor denen die Karton- und Faltschachtelindustrie derzeit steht?

Die größte Herausforderung besteht darin, Flexibilität, Innovation und die Attraktivität als Arbeitgeber für junge Talente zu steigern. Die Markenartikelindustrie und der Handel stehen vor der Aufgabe, möglichst alle potenziellen Käufer in ihre jeweils eigene Erlebniswelt zu holen, und zwar überall, wo auch immer der Einkauf gerade stattfindet, analog wie digital. Das hat Investitionen im digitalen, aber auch im Verpackungsbereich zur Folge, denn die Verpackung ist der einzige Wegbegleiter, der das Produkt immer und überall unterstützen kann.

Das bedeutet für uns: engen Kontakt in der gesamten Supply Chain zu pflegen, um rasch auf neue Herausforderungen reagieren zu können. Das bedeutet aber auch, unsere Kunden sowie Handel und Industrie mit neuen Ideen und Verpackungsprodukten zu unterstützen, die ihnen in einer stetig sich verändernden Vertriebswelt weiterhelfen.

  1. Ist die gesamte Supply Chain betroffen?

Ja, um kostengünstig, umweltfreundlich, flexibel, schnell und innovativ zu arbeiten, müssen alle Partner der Supply Chain eng vernetzt zusammenarbeiten. Im Vordergrund steht die Aufgabe, unseren Teil zur Rettung der Natur beizutragen. Das meine ich wörtlich. Niemand im Verpackungsbereich kann das so gut wie wir und unsere Supply Chain.

Schon jetzt gehören Kartonerzeugung und Wiederverwertung zu den nachhaltigsten Industrien überhaupt, und wir alle arbeiten seit Jahrzehnten daran, die Umwelteinflüsse gegen null zu reduzieren: Produktionsstätten, Produktionsabläufe, Lieferwege, Energieausstoß, Recycling – alles wird laufend geprüft und verbessert. Jedes Jahr machen wir weitere Fortschritte, und davon profitieren vor allem unsere Kunden und die Natur.

  1. Was sagen Sie zu den jüngsten Horrormeldungen über Kunststoffabfälle in den Ozeanen?

Wir brauchen Verpackungen, um den Verlust von Lebensmitteln einzuschränken, Produkte zu schützen und Konsumenten über ihre Verwendung zu informieren. Ein Verzicht auf Verpackungen würde große Verluste bei den verpackten Produkten, vor allem Lebensmittelverderb, nach sich ziehen und damit die Umwelt im Endeffekt viel stärker belasten. Lebensmittel selbst verbrauchen ein Vielfaches an Ressourcen (> 10-mal) im Vergleich zu ihren Verpackungen.

Doch wir müssen Verpackungen schaffen, die die Umwelt nicht beeinträchtigen. Mit Kartonverpackungen sind wir dieser Situation schon sehr, sehr nahe. Unsere Verpackungen bestehen aus erneuerbaren oder recycelten Materialien und nicht aus fossilen Ressourcen, deren Abfälle in Flüssen, Seen und dem Meer landen. Wir können die Faltschachtel glaubwürdig als nachhaltigste Verpackungsmöglichkeit positionieren. Die Karton- und Faltschachtelindustrie hat hier die große Chance, ihre positiven Umweltdaten noch aktiver bekannt zu machen: die nachhaltige Waldwirtschaft, die erneuerbaren Ressourcen, die Kompostierbarkeit und vor allem die funktionierende echte Kreislaufwirtschaft.

  1. Ändert sich die Nachfrage bei Markeninhabern und Händlern?

Die Nachfrage ändert sich gewaltig und in vielerlei Hinsicht. Die Digitalisierung verändert unsere Geschäftsprozesse und Modelle sehr schnell. Wir müssen engen Kontakt zu unseren Kunden pflegen, um gemeinsam zu erkunden, wohin die Reise geht. Natürlich werden die Losgrößen kleiner, die geforderten Lieferzeiten kürzer, auch individualisierte und personalisierte Verpackungen sieht man hier und dort heute schon. Das ist aber längst nicht alles.

Wir müssen noch viel mehr als bisher dafür sorgen, dass sich die Konsumenten mit den Produkten rundum wohlfühlen. Sie wollen die Garantie, dass sie mit ihrem Kauf nicht nur keinen Schaden anrichten, sondern die Umwelt aktiv unterstützen und damit ihre eigene Umgebung und sich selbst gesund erhalten. Die Konsumenten erwarten, dass die Markenartikelindustrie und der Handel Verantwortung für unsere Zukunft übernehmen, und wir als Verpackungsindustrie müssen ihnen die Mittel dazu in die Hand geben.

Ich spreche gern von den drei Ps: Preserve, Promote und Protect. Der Schutz des Produkts (Preserve) ist natürlich die grundlegende Aufgabe der Verpackung. Die Kosten bleiben äußerst wichtig, aber entscheidend ist, dass sich Werbung (Promote) und Umweltschutz (Protect) verbinden. Das führt zu einem Paradigmenwechsel in der Markenwelt. Marken und ihre Verpackungen müssen den Käufern positive Erlebnisse vermitteln, egal wo und wie sie sich gerade für ein Produkt interessieren.

Die Konsumenten wollen immer und überall entscheiden können, was sie kaufen, und sie werden sich für jenes Produkt entscheiden, dass ihnen das beste Gefühl vermittelt. Da steht eine gesunde Umwelt selbstverständlich an erster Stelle, gefolgt vom Erlebnischarakter von Produkt und Verpackung – wenn Sie beispielsweise an die zahllosen Videos über „Unboxing“-Erfahrungen denken.

  1. Wie wichtig ist Innovation in der Faltschachtelindustrie?

Innovationen sind aus zwei Gründen von überragender Bedeutung: Erstens, um fossile, umweltschädliche Verpackungen durch umweltfreundliche zu ersetzen, und zweitens, um den Konsumenten mit frischen Verpackungsideen neue Erfahrungen zu vermitteln und ihnen gleichzeitig das Leben zu erleichtern. In diesem Bereich ist noch viel zu tun, und unsere beiden Awards, der European Excellence Award und der Young Designers Award, sind die Speerspitze, um solche Innovationen voranzutreiben und auch sichtbar zu machen.

Die Bedeutung der Verpackung als Kaufanreiz wird im digitalen Umfeld enorm zunehmen. Hier hat Karton von Natur aus große Stärken, denn die Verpackung ist ein leistungsstarkes Medium. Das haben die Studien von Pro Carton in den letzten Jahren sehr schön gezeigt, etwa „Touchpoint“, „Multichannel-Packaging“ und „Die Verpackung als Medium“. Keine Verpackung ist kommunikativer und informativer als die Faltschachtel. Sie hat die besten Karten, wenn es um die Entscheidung für ein bestimmtes Produkt geht.

  1. Was sind die wichtigsten Projekte von Pro Carton?

Die zentrale Aufgabe ist die Kommunikation unserer Stärken, die Kommunikation an die Industrie, den Handel bis hin zum Konsumenten. Dabei stehen erneuerbare Ressourcen, Kompostierbarkeit und vor allem eine perfekt funktionierende Kreislaufwirtschaft im Zentrum.

Die wichtigsten Projekte sind zunächst unsere beiden Awards, der European Carton Excellence Award für die Profis und der Pro Carton Young Designers Award für alle, die es noch werden wollen. Beide Awards haben in den letzten Jahren kontinuierlich zugelegt und gehören zu den wichtigsten Benchmarks im Verpackungsbereich. Die Zahl der Einreichungen zum Pro Carton Young Designers Award hat sich in den letzten fünf Jahren auf über 460 vervielfacht. Beide Awards finden auch in den Social-Media-Kanälen gewaltige Resonanz!

Das Schulprogramm TICCIT wurde ausgesprochen gut angenommen: In diesem pädagogischen Programm wird die Wichtigkeit nachhaltiger Verpackungen spielerisch erklärt, um auf diese Weise junge Talente zu begeistern. Schulen in fünf europäischen Ländern haben sich daran beteiligt, seitdem das Programm im Herbst 2018 initiiert wurde.

Zu den wichtigsten Projekten gehören schließlich auch unsere Studien, mit denen wir in regelmäßigen Abständen das Image, die Kommunikationsleistung und die Nachhaltigkeit verschiedener Verpackungen vergleichen.

  1. Wie steht es um die Zukunft der Kartonverpackung?

Da bin ich äußerst optimistisch. Die Ergebnisse der aktuellen Studien zeigen ganz klar den Weg in die Zukunft: Konsumenten legen mehrheitlich Wert auf nachhaltige Verpackungen. Karton wird alle anderen Verpackungsmaterialien dort ersetzen, wo es möglich ist, weil sich Karton für die unaufhaltsam kommende und notwendige Kreislaufwirtschaft am besten eignet. Unsere Industrie ist das Vorzeigemodell einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft: Jahr für Jahr erreichen wir deutliche Verbesserungen des Carbon Footprints von Karton und die Recyclingrate steigt. Die Forschung hat gezeigt, dass wir Karton schier unendlich recyceln können. Karton ist daher sowohl ein wertvoller Packstoff als auch ein wertvoller Rohstoff. Ein Grund mehr, der für Karton als Verpackungsmaterial spricht.


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