2017-07-03

Gespräch am runden Tisch mit Roland Rex (Präsident Pro Carton) und Andreas Blaschke (Präsident ECMA)

1. Was erwarten Sie für Ihre Branchen in den kommenden zwölf Monaten?

RR – Alle Indikatoren für den privaten Konsum in Europa sind positiv, die Nachfrage nach FMCG-Verpackungen wird steigen. Das wird uns helfen, einige freie Produktionskapazitäten zu füllen. Durch den Wandel im Einkaufsverhalten hin zu einem diversifizierten Multichannel-Shopping, durch Umwelt und Digitalisierung werden neue Möglichkeiten entstehen. Ich bin der Ansicht, dass die Konsolidierung in der Industrie stärkere und kosteneffizientere und innovative Geschäftsmöglichkeiten schaffen wird, die die Bedürfnisse unserer Kunden erfüllen und, auch das ist wichtig, gewinnbringend sind.

AB – Das Volumen sollte im kommenden Jahr gut sein, denn die Wirtschaft kommt in Fahrt. Die Spannen bleiben allerdings unter Druck, denn die Preise für Rohmaterial sind hoch und werden sich kaum erholen. Für die nähere Zukunft erwarte ich keine weitere größere Konsolidierung oder großangelegte Rationalisierung, denn viele Unternehmen haben eine Zeit der Veränderungen hinter sich, der oft  eine Periode der Integration und Stabilität folgt.

2. Was ist die größte Herausforderung, vor der die Faltschachtelindustrie im Augenblick steht?

AB – Ich denke, es ist die Tatsache, dass Kundenerwartungen und die Möglichkeiten der Supply Chain nicht zusammenpassen. Die Vorlaufzeiten bei Karton werden länger, während die Faltschachtelkunden mehr Flexibilität und kürzere Lieferzeiten erwarten und es ablehnen, Kapital im Lager zu binden. Wir müssen da neue Lösungen finden, ohne dass die Kosten steigen.

RR – Unsere Industrie steht vor einer Menge Herausforderungen. Viele sind gut und hilfreich, wir wollen sie nicht verlangsamen, sondern das Tempo beibehalten, um besser zu werden. Doch eine Herausforderung scheint größer zu sein als die anderen. Das sind die rasch wachsenden Überkapazitäten in unserem Markt, der nur zurückhaltend wächst. Wir müssen unsere Einstellung von „mehr vom selben“ zu „dasselbe besser machen“ ändern. Das ist ein gesünderer Weg zu mehr Wachstum als nur „mehr“.

3. Wie, glauben Sie, könnten Faltschachtelhersteller und Kartonproduzenten besser zusammenarbeiten?

RR – Das Wichtigste ist zu verstehen, dass wir voneinander abhängig sind. Es gibt keine Faltschachteln ohne Karton und umgekehrt. Deshalb müssen wir eine positive und gewinnbringende Zusammenarbeit für beide Partner der Supply Chain erreichen. Das erfordert ein gewisses Maß an Offenheit und Vertrauen und die Bereitschaft, wirklich zusammenzuarbeiten, um das Geschäft gemeinsam profitabler und innovativer weiterzuentwickeln.

AB – Wir müssen einen Weg finden, unsere Supply Chains besser abzustimmen und dabei Kosten herauszunehmen, und ich glaube, es gibt noch viele Möglichkeiten für uns, gemeinsam an Kostenreduktionen zu arbeiten. Faltschachtelhersteller und Kartonproduzenten könnten auch noch mehr zusammenarbeiten, um spezielle Kartons für ausgewählte große Endkunden zu entwickeln.

4. Was sagen Sie zu der negativen öffentlichen Meinung von der Kunststoffindustrie in Bezug auf Abfall und Verschmutzung der Ozeane?

AB – Die Karton- und Faltschachtelindustrie hat wirklich die große Chance, ihre positiven Umweltdaten laut zu verkünden, sie muss weiterhin ihre Stärken und Vorteile kommunizieren. Es geht um nachhaltige Waldwirtschaft, erneuerbare Ressourcen, Kompostierbarkeit und leichte Recycelbarkeit.

RR – Zumindest in Europa beginnen die Konsumenten zu verstehen, dass Verpackung wichtig ist, dass aber Plastikverpackung ein ernstes Problem für die Umwelt darstellt. Sie unterscheiden zwischen einer Verpackung, die aus erneuerbaren oder recycelten Materialien hergestellt wird, und einer anderen, die fossile Ressourcen einsetzt und deren Abfälle in Flüssen, Seen und dem Meer landen, und nicht nur auf anderen Kontinenten. Das ist eine großartige Gelegenheit für Karton und Faltschachtel, sich als nachhaltigste Verpackungsmöglichkeit zu positionieren, mit einem doppelt positiven Effekt auf Klima und Wiederverwendung. Je öfter Plastik von Meinungsführern kritisiert wird, desto besser für uns.

5. Ändert sich die Nachfrage bei Markeninhabern und Händlern?

RR – Die Bedürfnisse von Händlern und Markeninhabern haben sich immer laufend geändert. Der Unterschied heute liegt in der Geschwindigkeit des Wandels. Die Digitalisierung treibt uns an und verändert unsere Geschäftsmodelle sehr schnell, es ist daher wesentlich, in engem Kontakt zu bleiben mit jenen, die am Steuer sitzen und uns helfen können vorauszusehen, was als Nächstes kommt. Multichannel-Handel mit individualisierter und personalisierter Verpackung kommt bald.

AB – Die Nachfrage ist unbeständiger geworden, weniger vorhersagbar, und die Losgrößen werden kleiner. Der Handel ändert sich und geht mehr online. Einige unserer Kunden brauchen neue Wege, um auf diese Möglichkeiten zu reagieren, vor allem jene in Impulskaufkategorien, die online schwieriger zu vermarkten sind. Ich denke hier zum Beispiel an Produkte wie Süßwaren, die oft an der Kasse verkauft werden.

6. Glauben Sie, dass der Preis durch den laufenden Einsatz von E-Ausschreibungen und E-Auktionen bei den Einkaufsentscheidungen eine geringere Rolle spielt?

AB – Der Preis ist nach wie vor ein großer Faktor und wir müssen Wege finden, Kosten zu sparen. Da ist noch viel zu tun. Was Ausschreibungen und E-Auktionen betrifft, so sind sie heute gut eingeführt und ich hoffe, dass die meisten Akteure genügend Erfahrung haben, wie man sie managt, das war vor fünf oder sieben Jahren noch nicht der Fall.

RR – Der Preis war bei der Kaufentscheidung immer ein wichtiger Aspekt und wird es bleiben. Deshalb müssen wir laufend in der gesamten Faltschachtel-Wertschöpfungskette an Kostenreduktionen arbeiten. Doch neue Wege der Produkt-Promotion werden neue Möglichkeiten für Verpackungen bringen – in Verbindung mit neuen Dienstleistungen für Faltschachtelhersteller. Wir müssen weg von einem „Kosten plus X“-Denken hin zum Ansatz „Was ist der Nutzen für meinen Kunden?“, wofür ist er bereit, zu bezahlen? Die Digitalisierung wird entlang der Lieferkette Flexibilität erfordern, und das wird es uns ermöglichen, unsere Preispolitik zu überdenken.

7. Wie wichtig ist Innovation in der Faltschachtelindustrie?

AB – Innovation steht ganz oben auf jedermanns Agenda und sie ist ein guter Weg, sich zu unterscheiden. In der Praxis werden jedoch relativ wenige Ideen tatsächlich übernommen und wirklich auf den Markt gebracht. Nach meiner Erfahrung ist echte Innovation dann am besten, wenn der Faltschachtelhersteller eine bewährte und langfristige Geschäftsbeziehung hat und die Bedürfnisse der Konsumenten wirklich versteht.

RR – Unsere Kunden erwarten von uns Innovation, deshalb ist sie für die Zukunft unserer Branche essenziell. Ursprünglich diente Verpackung nur dem Schutz des Produkts vor Beschädigung oder Verlust. Dann kamen die Marketingaspekte hinzu, heute verstehen alle, dass die Verpackung eine entscheidende Rolle spielt bei der Kaufentscheidung des Shoppers. In Zukunft wird die Verpackung der Kommunikationsträger sein über die ganze Lieferkette hinweg, dadurch werden unnötige Kosten vermieden und Prozesszeiten verkürzt.

8. Welchen Einfluss haben jüngste und kommende politische Veränderungen auf die Industrie und Ihre Branche?

RR – Es gab und gibt immer unerwartete Entwicklungen, die unsere Branche betreffen – nicht nur politische. Wenn man eine solide und breite Basis hat, kann man Zeiten der Unsicherheit leicht meistern. Und jedes Risiko bietet auch neue Möglichkeiten, man muss offen bleiben und positiv denken.

AB – Die größten Auswirkungen hatten die Veränderungen der Wechselkurse. Sonst hat sich, denke ich, aus politischer Sicht nicht allzu viel verändert und wird sich auch nicht ändern, was unsere Branche betrifft.

9. Wenn Sie eine Sache in der Industrie ändern könnten, was wäre das?

RR – Wir müssen unsere Perspektive ändern. Wir sollten die Welt nicht immer aus unserer eigenen Sicht verstehen und erklären, sondern aus der Sicht unserer Kunden und der Kunden unserer Kunden, damit wir wirklich Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die unseren Kunden in ihrer Geschäftsumgebung helfen. Das wird sich positiv für uns auswirken und uns unentbehrlich machen. Wenn wir uns weiterhin auf unsere eigenen Prozesse und internen Aktivitäten konzentrieren, werden wir entweder immer hinterherlaufen oder jene, die für uns wesentlich sind, unsere Kunden, werden uns ignorieren.

AB – Ich würde gern die Wahrnehmung unseres Produkts ändern. Wir müssen weg von der Verpackung als bloßem Kostenfaktor hin zur Verpackung als Mehrwert. Faltschachteln sind in Wirklichkeit das beste Material für das Branding jedes Produktes.

10. Haben Sie eine abschließende Botschaft an Ihre Mitglieder?

RR – Ich stimme mit Andreas überein, wir müssen den Menschen immer weiter vermitteln, dass Verpackung ein Wert ist und nicht nur ein Kostenfaktor, und dass Kartonverpackung wegen ihrer Nachhaltigkeitsvorteile die beste verfügbare Möglichkeit ist. Plastik ist etwas für Verlierer – Faltschachteln sind für Sieger, denn Karton erzeugt keinen Plastikmüll.

AB – Sie können das verstehen, wie Sie möchten: Meine Botschaft ist, jeder Versuchung zu widerstehen und Impulsivität zu vermeiden.

Danke, meine Herren!

 


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